Der Preis der Schönheit – Teil 1

Der Preis der Schönheit – Teil 1

Der Preis der Web-Schönheit!

 

Den Spruch „in Schönheit sterben“ kennt jeder. Dass sich dieser Satz oft auch auf das digitale Business übertragen lässt, ist den Wenigsten bekannt.

Ein digitales Angebot soll ein „angenehmes Marken-Gefühl“ transportieren, die „Qualität der Produkte“ hervorheben, Premium Services suggerieren und SEO Rankings verbessern. Die Landingpage soll Interesse/Demand beim potentiellen Kunden wecken.

Um diese Zwecke zu erfüllen werden Webseiten mit Angeboten und Informationen beladen, wirkungsvolle exklusive Fonts eingebunden und aufwendige visuelle Grafiken oder Effekte eingebunden. Bunte Einblendungen, wie Lieferkostenerstattungen ab bestimmten Bestellhöhen oder Gutscheincodes für die Werbung von Freunden, werden ohne Überprüfung auf Interesse des potentiellen Kunden einfachangepriesen.

Ein User, der auf einer solchen Seite „landet“, muss häufig warten, bis sich die Webseite aufbaut. Durch die Informationüberfrachtung muss der Kunde Geduld mitbringen, bis die Seite bedienbar ist.

Die dargestellte Informationsmenge, mit dem Ziel User-Interesse zu erzeugen, steht in direkter Konkurrenz mit der Ladezeit einer Webseite. Ein Kompromiss der häufig vom Marketing oder dem e-Commerce als „Trade-Off“ bezeichnet wird. Wir definieren Trade-Off wie folgt:„Es geht nicht schön und schnell, irgendetwas muss leiden“ – im Zweifelsfall leidet nicht das Ego des Verantwortlichen für das digitale Business, sondern die UX beim Kunden.

Die Ausschlachtung aller Markterweiterungsinstrumente (Tagging, Affiliate, Retargeting, SEO, Content, Recommendation Engine, schicker Font, Newsletter, Registrierung, Facebook, Twitter) findet allzu oft den Vorzug vor der UX . Nicht mutwillig, sondern in den meisten Fällen aus Unwissenheit über die Relation zwischen Ladezeit und User Experience.

Die Trade-Off Argumentation folgt der Unternehmens-Logik, dass User eher lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssten, als dass man sich SEO Fehler leistet und Marketingtricks auslässt. Die Marke/Brand soll zudem „ansprechend“ positioniert sein.

Aus dem Büro mit der 10GBit Anbindung verliert man schnell den Blick auf die Realität. Eine Realität über Kunden, die zum Beispiel gerade auf dem Land Urlaub machen (oder dort wohnen) und sich über ein tolles Mountainbike, Outdoorkleidung oder Aktivitätsmöglichkeiten informieren möchten.

Spricht man im Rahmen einer UX-Analyse über Optimierungspotenziale durch Datenreduktion, hört man: „Danke“ vom Schönheitsminister. „Die 3 Minuten Videoanimation in HD-Qualität im Hintergrund auf der Startseite bleiben – das war ne teure Produktion. Wir haben uns das gut überlegt“. Dass diese Animation auf mobilen Endgeräten zwar geladen, aber gar nicht angezeigt wird, führt häufig zu erstaunen und man macht sich Notizen, dass man das ändern muss. Überprüft man dann 3 Wochen später, ob der Missstand behoben ist, sieht man oft den Status unverändert. Entweder es stört nicht weiter oder es erscheint als zu viel Arbeitsaufwand, diesen Zustand zu ändern.

Warum ist es so, dass so arglos mit den Ressourcen und der UX des Users umgegangen wird, wenn dieser doch derjenige ist, der angesprochen werden soll? Will man denn wirklich in Schönheit sterben – oder zumindest ordentlich krank werden?

Die Ursache, für diese Form der Arglosigkeit, findet sich nicht selten darin begründet, dass diejenigen, die das Look & Feel der Webseite entscheiden, keine gute Einsicht in die Performance der User haben. Analysewerkzeuge liefern nur Durchschnittswerte. Dieser Durchschnitt ist trügerisch und wird falsch oder gar nicht interpretiert. Die richtige Interpretation werde ich im zweiten Teil dieser dreiteiligen Blog-Serie darstellen.

Der Besucher auf Ihrer Webseite kommt nicht zufällig vorbei, sondern der User will etwas erledigen. Er will sich informieren, etwas konsumieren oder einfach nur etwas erledigen (Paketstatus checken, Adresse ändern, etc.). Er will schlendern, sich inspirieren lassen und dann spontan einer emotional getroffenen Kaufentscheidung hingeben.

Lange Ladezeiten nerven da – und das lässt der User sie spüren, indem er abspringt. Das ist keine Erfindung von mir, sondern in mehreren Studien (Google Suche), durch Erfahrungsberichte (Google Play oder Apple Store) oder gar durch Pöbeleien auf Twitter und noch viel mehr sozialen Netzwerken belegt.

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(Wahrnehmung / Experience Mensch-Maschinen Kommunikation)

 

Reine Kosmetik mit noch mehr Gütesiegeln wird das Geschäft nicht ankurbeln, wenn dadurch signifikant viele User auf der Einstiegsseite eher Frust als Lust erleben und bouncen.

Einmal Hand aufs Herz, wie oft haben Sie selber schon Entscheidungen über das Aussehen und die Informationsfülle auf der Landingpage getroffen, ohne dabei an den Speed und das „Wow“ Erlebnis des Users Gedanken gemacht zu haben?

Es ist nicht wirklich erstaunlich, dass diese Tage eine Meldung die Runde macht, „eine ganz normale einzelne Webseite sei im Durchschnitt 2 MB groß“. 2 MB, das hört sich gar nicht so riesig an, zumindest auf den ersten Blick aus dem Office mit der Glasfaserleitung nicht. 2 MB, das sind mehr Daten als auf eine Floppy Disk passen würden.

Ein solches Datenvolumen entsteht entweder durch überambitioniertes Verhalten, Arglosigkeit, Unwissen oder dem Irrglauben, dass ein Super-Duper-Internetanschluss für jeden Kunden und überall vorhanden ist.

Ein solcher Anschluss ist aber nicht überall vorhanden. Und selbst wenn ein guter Anschluss vorhanden ist, dann wird dieser in einem Haushalt mit 4 Personen geteilt. Einer schaut bei Netflix ein Video, einer spielt World of Warcraft, und eine oder einer versucht mit der verbleibenden Bandbreite eine Bestellung bei Ihnen zu erledigen – und die Bestellung funktioniert dann oft langsamer als es Ihnen lieb ist.

Wenn Sie also verantwortlich sind für das e-Business und/oder die Vermarktung Ihres digitalen Angebots, dann ist es ganz immens wichtig zu verstehen, dass alles was Schön macht einen Preis hat. Wie man diesen Preis beziffern kann folgt im zweiten Teil. Der dritte Teil befasst sich dann mit dem richtigen Experimentieren mit verschiedenen Marketinginstrumenten.

Übrigens: Bei Webseiten, die für mobile Endgeräte „optimiert“ sind, hat sich in den vergangenen 4 Jahren die Datenmenge verdreifacht.

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Um das digitale Business attraktiver zu gestalten werden Inhalte in Webseiten eingebunden, die einen gegenteiligen Effekt haben – mehr Kunden sind von schlechten Ladezeiten betroffen. Um dieses Aufzubrechen, müssen verantwortliche Personen den Zusammenhang zwischen Performance und Geschäft verstehen.

Teil – 2 – Der Preis der Schönheit